Vera Deckers: „Wenn die Narzissten wieder blühen“

Die Narzissten haben die Macht übernommen.
Verpackung ist wichtiger als Inhalt.
Aufmerksamkeit ist die globale Währung.
Existent ist nur noch, wer online ist – und der Lauteste gewinnt.

Das ist einerseits schrecklich, andererseits zum Schreien komisch. Helikoptereltern halten ihre Kinder auf der Schaukel an und Zucker für das neue Heroin. Teenager experimentieren nicht mehr mit Drogen, sondern posieren für Selfies und schuften als Influenzer im Youtube-Tagebau. Selbstverwirklichung ist das Gebot und jeder kann ein Star sein. Aber wenn jeder die erste Geige spielt, wie klingt dann das Orchester? Und wieso kann man Schreihälsen nicht einfach den Twitteraccount sperrren?

Selbstoptimierer tragen Fitness-Tracker, zählen Schritte, Kalorien, Schweißtropfen, Rülpser und das Geschnarche im Schlaf.

Solche Zeiten erzeugen Selbstzweifel:
Kann Kabarett am Puls der Zeit sein, wenn man nicht mal ’ne Pulsuhr hat?

Wie soll ich mich selbst verwirklichen, wenn ich als Freiberufler nicht mal eine Wohnung finde? Warum ist ein Vollbart nicht mehr Mathelehrern mit Cordhosen vorbehalten? Seit wann wird nicht mehr auf Begabung hin gefördert, sondern auf Verdacht? Und wieso werden im Flugzeug eigentlich keine Nüsschen mehr gereicht?

Den Wahnsinn der heutigen Zeit belegt die studierte Psychologin anhand von wissenschaftlichen Studien und findet auch Beruhigendes: Gelegenheitstrinker leben länger als Leute, die gar keinen Alkohol trinken.

Ist also doch noch nicht alles verloren?

„Vera Deckers hat am Sonntagabend im Theater im Zehnthaus mit ihrem Auftritt ‚Wenn die Narzissten wieder blühen‘ für wahre Lachstürme gesorgt ... Wenn es stimmt, dass Sitzen als das neue Rauchen das Leben verkürzt, Lachen aber das Leben verlängert, dann sind wohl alle Zuschauer aus dem kleinen Kellertheater nach dem zwerchfellerschütternden zweistündigen Hock dennoch mit einem Überschuss an Lebenserwartung nach Hause gegangen. Die gelernte Diplom-Psychologin Deckers nimmt sich selbstironisch auf die Schippe und teilt kräftig aus, herzerfrischend witzig entfacht sie Lachsalven ohne Ende ...

Bewundernswert, wie sie es schafft, Reaktionen aus dem Publikum spontan aufzugreifen und dennoch sofort wieder ihren Faden weiterzuspinnen. Die sozialen Medien würden den Narzissmus fördern, jedes dritte Bild sei ein Selfie, und dann sinniert sie darüber, dass im narzisstischen Selfiewahn heute nahezu alle den schönen Dingen den Rücken zudrehen, nur um ihr eigenes Gesicht abzulichten ...

Luftholen ist fast nicht möglich bei dem Tempo, mit dem Vera Deckers durch die Abgründe des Lebens zieht. Und so manches, was sie ans Licht zerrt, ist, wenn man die Reaktionen aus dem Publikum sieht, wohlbekannt. Wenn sie zum Beispiel über ihren Freund lästert, so ein ‚Das ist doch noch gut Typ‘, weil er alles aufbewahrt, erntet sie Beifallsstürme ... Immerhin eine gute Seite hat es: Wenn ein Kumpel ihrem Freund in ein paar Jahren rät, sich doch eine Jüngere zu suchen, werde er auch sagen ‚die ist doch noch gut!‘

Helikoptereltern und Gesundheitswahn, Smoothies und Zucker als das neue Heroin seien auch so eine Sache, findet Deckers. Denn das Dogmatische werde heutzutage übertrieben: Da können Best-Ager schon zu Worst-Agern werden. Und sie wundert sich, dass ihre Freunde ins Fitness-Studio gehen: ‚Ich dachte es reicht, dort angemeldet zu sein.‘“
So resümiert die Kabarettistin am Ende: ‚Überlassen wir den Narzissmus den Dummen.‘“

Manfred Herbertz, Die Oberbadische, 27.11.18

„Kabarett auf höchstem Niveau“

Carolin Riethmüller, Neue Westfälische Zeitung, 11/2015

„Mit Wortwitz gegen Wahnsinn“

Westfälischer Anzeiger, 03.05.2017

„Diese Frau ist nicht nur urkomisch, sondern auch unglaublich entlarvend: so muss Stand-up sein!“

Klaus-Jürgen Deuser, Nightwash

„Rhetorik, Sprachwitz und die Gabe, Promis und andere Lichtgestalten unserer Gesellschaft in Gestik und Ausdruck nachzuahmen, ließen die Kabarettwelle schnell auf das begeisterte Publikum überschwappen.“

Westfälischer Anzeiger, 03.05.2017

„Eine Psychologin zum Kranklachen“

Diese hohe Kunst gelingt dann Vera Deckers. Von Beruf ist sie Psychologin, zweifelsfrei hat sie ihre Berufung aber in der Stand-up-Comedy gefunden. Spielerisch mimt sie verschiedenste Figuren, mal die dumpfe Schnepfe, die unablässig verkehrte Fremdwörter ins Handy lästert, mal die Drittezähneoma, die der Enkelin in 40 Jahren klagend die gestrige (also heutige) Welt erläutert. Da sitzt jede Geste, jede Pointe, das ist der «State of the Art» der Post-Mittermeier-Appelt-Nuhr-Ära.

Thomas Wyss, Tages-Anzeiger, 11.09.2014